20. November 2005–Konzert la cappella

Sonntag, 20. November 2005
L A__C A P P E L L A
Evangelische Kirche Seligenstadt
- Konzert -

Mensch, die Figur der Welt vergehet mit der Zeit
Konzert bei Kerzenschein von „la cappella”
Am vergangenen Sonntag präsentierte der gemischte Chor „la cappella“ des Gesangvereines Liederkranz Zellhausen unter seinem Leiter Ralf Emge in der evangelischen Kirche zu Seligenstadt ein stimmiges Konzert mit Chorwerken aus Barock und klassischer Moderne, umrahmt von Orgelmusik aus dem 17. Jahrhundert. Das Präludium e-Moll des norddeutsch-barocken Komponisten Nicolaus Bruhns, interpretiert vom Rüsselsheimer Dekanatskantor Jens Lindemann, leitete das Konzert stimmungsvoll ein. Mit dem Totentanz des Komponisten Hugo Distler stand ein Werk des 20. Jahrhunderts auf dem Programm. Der danse macabre beflügelt seit dem 14. Jahrhundert die Fantasie von Künstlern und wird zum Sujet der bildenden und darstellenden Kunst. Der vom Tod angeführte Reigen von Personen unterschiedlichen Alters und Standes ist auch Gegenstand der a cappella Vertonung Distlers. Als Organist und Chorleiter an Sankt Jacobi zu Lübeck ließ sich Distler von der Bildfolge und den Versen der „Lübecker Totentanzkapelle“ inspirieren. Er entwickelte aus zwölf der 36 Strophen sowie Texten aus der barocken Gedichtesammlung „der Cherubinische Wandersmann“ seinen Totentanz in neobarocker Klangsprache. In gesprochenen Dialogen des Todes (Eugen Tambosi) mit Persönlichkeiten von Kaiser bis Kind (Mitglieder des Chores) werden die Taten des Lebens aufgerechnet. Eingeleitet werden diese durch eine Flötenintonation (Daniela Wolf) sowie eine Motette. Eugen Tambosi als Tod konnte durch Timbre und Nachdrücklichkeit gelungen die Vergänglichkeit allen Seins vor Augen führen und regte zum Nachsinnen an. Der Chor überzeugte durch Homogenität und Ausdrucksstärke. Die rhythmische Komplexität wurde souverän bewältigt. Als weiteres Orgelwerk präsentierte Jens Lindemann im Anschluss sechs Variationen über „Da Jesus an dem Kreuze stund“ des Schütz-Zeitgenossen Samuel Scheidt. Am Mottetenstil angelehnt bildete diese Choralbearbeitung eine stimmige Überleitung zu den Musikalischen Exequien Heinrich Schütz', mit denen der Chor sein Konzert beendete. Die dreiteilige Begräbnismusik anlässlich der Beisetzung des Grafen Heinrich Posthumus von Reuss für Soli und Chor konnte durchweg überzeugen. Begleitet von der Continuo-Gruppe um Jens Lindemann (Orgel) und Christian Zincke (an der wunderbar schnarrenden Violone) gelang dem Chor ein schlanker Barockklang. Überraschend homogen auch die aus dem Chor rekrutierten Solisten. Die Interpretation Ralf Emges zeichnete sich durch gründliche Beschäftigung mit historischer Aufführungspraxis aus. Selbst die Mehrchörigkeit der venezianischen Schule wurde durch den Fernchor auf der Empore demonstriert. Einziger Wehrmutstropfen hier die für diesen Effekt nicht optimale Akustik der evangelischen Kirche. Langanhaltender Applaus im vollbesetzten Gotteshaus belohnte die Mitwirkenden für die bemerkenswerte Leistung. Der Chor bewies eindrucksvoll, daß er auf einem für einen Laienchor beachtlich hohen Niveau musiziert und Werke verschiedener Epochen stilsicher interpretieren kann. Im Ergebnis ein tolles Konzert mit einem interessanten Programm.
Christian Hesse

Plakat_Nov05